IG Metall Würzburg widerspricht Alexander Hoffmann: Probleme nicht durch längere Arbeitstage lösbar

Die IG Metall Würzburg hat die Forderung des CSU‑Landesgruppenvorsitzenden Alexander Hoffmann nach einer Ausweitung der Arbeitszeit deutlich zurückgewiesen. Der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Würzburg, Norbert Zirnsak, kritisiert, dass damit am Kern der Probleme auf dem Arbeitsmarkt vorbeigedacht werde. „Von einem Bundestagsabgeordneten aus Unterfranken erwarte ich konkrete Vorschläge zur Bekämpfung der Probleme – nicht Forderungen nach längeren Arbeitstagen“, erklärt Zirnsak. Zwar benenne Hoffmann mit den Herausforderungen für Unternehmen reale Fragen. „Wer jedoch daraus ableitet, längere Arbeitszeiten seien die richtige Antwort, verwechselt Ursache und Wirkung“, so der Gewerkschafter weiter.
Nach Einschätzung der IG Metall stehen viele Beschäftigte in Industrie und Handwerk bereits heute unter erheblichem Druck. Schichtarbeit, Personalknappheit, steigende Anforderungen sowie die tiefgreifenden Transformationsprozesse bestimmten den Alltag vieler Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer „Fachkräfteengpässe entstehen nicht, weil zu wenig gearbeitet wird – sondern weil qualifizierte Fachkräfte fehlen“, betont Zirnsak. „Längere Arbeitstage schaffen weder zusätzliche Fachkräfte noch steigern sie die Attraktivität von Arbeitsplätzen.“
Gerade in Unterfranken sei die Wirtschaft auf gut qualifizierte Beschäftigte, hochwertige Ausbildung und attraktive Arbeitsbedingungen angewiesen. Die Diskussion über eine Aufweichung des Achtstundentages gehe deshalb an den tatsächlichen Herausforderungen vorbei. „Die Menschen in unserer Region erwarten zurecht Antworten auf die Zukunft ihrer Arbeitsplätze. Dazu gehören Investitionen in Qualifizierung, sichere Industriearbeitsplätze und Perspektiven für Beschäftigte – nicht Debatten über längere Arbeitstage“, so Zirnsak.
Schreiben an Alexander Hoffmann:
Sehr geehrter Herr Hoffmann,
mit großem Interesse habe ich den Beitrag in der Main-Post vom Samstag, 20. Juni 2026, zur Arbeitszeitdebatte gelesen. Die dort vorgetragenen Positionen – insbesondere die Forderungen nach längeren Arbeitszeiten zur Sicherung von Wettbewerbsfähigkeit und Wohlstand – greifen aus meiner Sicht jedoch zu kurz. In der aktuellen wirtschaftlichen Lage in Unterfranken lenkt diese Debatte vom eigentlichen Kern der Herausforderungen ab.
In meinen Gesprächen mit Betriebsräten und Beschäftigten zeigt sich ein deutlich anderes Bild: Im Mittelpunkt stehen derzeit Fragen der industriellen Transformation, ausbleibender Investitionen, steigender Energiekosten, Qualifizierungsbedarfe sowie die Sicherung von Wertschöpfung und Arbeitsplätzen in der Region. Diese Themen entscheiden über die Zukunftsfähigkeit des Industriestandorts – nicht die Verlängerung des Arbeitstages. Die Annahme, Fachkräfteengpässe ließen sich durch längere Arbeitszeiten beheben, überzeugt mich nicht. Der Fachkräftemangel entsteht nicht daraus, dass Beschäftigte zu wenig arbeiten, sondern daraus, dass qualifizierte Fachkräfte fehlen und zentrale Berufe zunehmend an Attraktivität verlieren. Studien und arbeitsmarktpolitische Analysen weisen zudem darauf hin, dass eine bloße Ausweitung der Arbeitszeit weder automatisch zu höherer Produktivität noch zu einer nachhaltigen Entlastung des Arbeitsmarktes führt.
Vor diesem Hintergrund stellt sich für mich die Frage, ob die im Artikel vertretenen Positionen nicht an den realen Herausforderungen vieler Betriebe und Beschäftigter vorbeigehen. Mich würde daher interessieren, welche konkreten Ansätze Sie sehen, um mehr junge Menschen für technische und industrielle Berufe zu gewinnen, die Qualifizierung und Weiterbildung systematisch zu stärken, sowie die industrielle Basis und Wertschöpfung in Unterfranken nachhaltig zu sichern.
Ich bin überzeugt, dass wir diese Fragen deutlich stärker in den Mittelpunkt der öffentlichen Debatte rücken müssen.
Mit freundlichen Grüßen
Norbert Zirnsak
Erster Bevollmächtigter
IG Metall Würzburg
Im Bild: Norbert Zirnsak, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Würzburg
Bildnachweis: IG Metall Würzburg Fotoarchiv, Patty Varasano
