Immer mehr Belastungen: Gesundheit darf nicht vom Geldbeutel abhängen

Was bedeutet die Gesundheitsreform für Beschäftigte? Welche Folgen hat sie für die Betriebe und welche Alternativen schwebt den beiden Würzburger IG Metall Bevollmächtigten vor? Norbert Zirnsak und Ulrike Eifler beantworten die wichtigsten Fragen rund um die Regierungspläne in Sachen Gesundheit und erklären, was sie von den zusätzlichen Belastungen für die Beschäftigten in den Betrieben der Region halten. Die Beschäftigten finanzieren unser Gesundheitssystem bereits heute maßgeblich. Es ist nicht gerecht, wenn immer wieder die Mehrheit der arbeitenden Menschen die Zeche zahlen soll. Wir brauchen mehr Solidarität statt höherer Eigenbeteiligungen.
Was bedeutet die Gesundheitsreform aus eurer Sicht für die Beschäftigten?
Norbert Zirnsak: Viele Kolleginnen und Kollegen spüren schon heute, wie teuer das Leben geworden ist. Steigende Mieten, höhere Preise im Supermarkt und hohe Energiekosten belasten viele Haushalte. Wenn jetzt auch noch höhere Zuzahlungen oder zusätzliche Kosten im Gesundheitssystem dazukommen, trifft das vor allem Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen. Wer arbeitet und Beiträge zahlt, muss sich darauf verlassen können, dass Krankheit nicht zum finanziellen Risiko wird.
Ulrike Eifler: Mich stört vor allem die politische Richtung dieser Reform. Gesundheit ist ein Grundrecht und gehört zur öffentlichen Daseinsvorsorge. Wer notwendige Behandlungen verteuert oder Leistungen einschränkt, verschärft soziale Ungleichheit. Niemand sollte sich fragen müssen, ob er sich Medikamente, Zahnersatz oder eine notwendige Behandlung noch leisten kann.
Die Bundesregierung begründet die Reform mit den steigenden Kosten im Gesundheitssystem. Wie kann eine gerechte Finanzierung aussehen?
Ulrike Eifler: Ich finde, wir müssen die Debatte grundsätzlich anders führen. Gesundheit ist kein Kostenproblem, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe. Es ist nicht einzusehen, warum Beschäftigte jeden Euro ihres Arbeitseinkommens zur Finanzierung heranziehen, während hohe Vermögens- und Kapitaleinkommen außen vor bleiben. Wer mehr hat, muss sich auch stärker an der Finanzierung unseres Gemeinwesens beteiligen. Dazu gehört für mich eine solidarische Bürgerversicherung, in die alle entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit einzahlen.
Norbert Zirnsak: Für mich ist entscheidend, dass die Kosten nicht immer weiter auf die gesetzlich Versicherten abgewälzt werden. Die Beschäftigten finanzieren unser Gesundheitssystem bereits heute maßgeblich. Es ist nicht gerecht, wenn sie immer wieder die Zeche zahlen sollen. Wir brauchen mehr Solidarität statt höherer Eigenbeteiligungen.
Welche Rückmeldungen bekommt ihr derzeit aus den Betrieben?
Norbert Zirnsak: Viele Kolleginnen und Kollegen erzählen mir, dass sie immer mehr leisten sollen – bei gleichzeitig steigenden Lebenshaltungskosten. Da wächst natürlich die Sorge, dass Krankheit zusätzlich ins Geld geht. Gesundheit darf aber kein Luxus werden.
Ulrike Eifler: Ich höre oft die Sorge, dass notwendige Behandlungen verschoben werden könnten, weil sie zu teuer sind. Das ist eine gefährliche Entwicklung. Ein Sozialstaat zeigt sich gerade darin, dass Menschen die Versorgung bekommen, die sie brauchen – unabhängig davon, was sie verdienen.
Die Reform sieht vor, dass Beschäftigte künftig teilweise arbeitsfähig sein können. Wie bewertet ihr das?
Ulrike Eifler: Gesundheit lässt sich nicht in 25, 50 oder 75 Prozent aufteilen. Ich befürchte, dass dadurch der Druck auf Beschäftigte wächst, obwohl sie eigentlich Zeit brauchen, um gesund zu werden. Davon hat am Ende niemand etwas.
Norbert Zirnsak: Gerade in der Metall- und Elektroindustrie wissen wir, wie belastend körperliche Arbeit, Schichtarbeit oder psychischer Druck sein können. Wer krank ist, muss gesund werden können – ohne das Gefühl, möglichst schnell wieder funktionieren zu müssen.
Auch ein Attest ab dem ersten Krankheitstag soll kommen. Was haltet ihr davon?
Norbert Zirnsak: Die allermeisten Beschäftigten gehen verantwortungsvoll mit einer Krankmeldung um. Ein generelles Attest ab dem ersten Tag schafft vor allem mehr Bürokratie und vermittelt den Eindruck, Beschäftigte stünden unter Generalverdacht. Das hilft niemandem.
Ulrike Eifler: Wir sollten lieber darüber sprechen, warum Menschen krank werden. Arbeitsverdichtung, Personalmangel und psychische Belastungen nehmen seit Jahren zu. Wer Fehlzeiten reduzieren will, muss Arbeit gesund gestalten – nicht den Druck auf Beschäftigte erhöhen.
Was erwartet ihr jetzt von der Politik?
Ulrike Eifler: Ich erwarte eine Gesundheitspolitik, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Gesundheit darf keine Ware sein. Ein solidarisch finanziertes Gesundheitssystem gehört zu den größten sozialen Errungenschaften unseres Landes. Es muss ausgebaut und nicht Stück für Stück ausgehöhlt werden.
Norbert Zirnsak: Die Beschäftigten schaffen Tag für Tag den Wohlstand in unserem Land. Sie haben ein Recht auf eine gute Gesundheitsversorgung, ohne sich Gedanken machen zu müssen, ob sie sich Medikamente oder notwendige Behandlungen leisten können. Politik muss den Sozialstaat stärken und darf seine Finanzierung nicht immer wieder auf die Schultern der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer verlagern.
Welche Botschaft möchtet ihr den Beschäftigten in der Region mitgeben?
Norbert Zirnsak: Die IG Metall wird sich auch künftig dafür einsetzen, dass die Interessen der Beschäftigten im Mittelpunkt stehen. Gute Arbeit und eine gute Gesundheitsversorgung gehören zusammen. Beides darf nicht gegeneinander ausgespielt werden.
Ulrike Eifler: Solidarität ist kein Auslaufmodell – sie ist die Grundlage unseres Sozialstaats. Gerade in Zeiten großer wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Veränderungen brauchen wir mehr Zusammenhalt statt mehr Ungleichheit. Dafür stehen wir als IG Metall.
Im Bild: Norbert Zirnsak und Ulrike Eifler bei einem Betriebsräteempfang der IG Metall Würzburg am 3. Juli 2026 in Karlstadt.
Bildnachweis: IG Metall Würzburg, Patty Varasano
