Als die Belegschaft das Werk besetzte – Eibelstadt 1983/84

Wenn über Industriepolitik gesprochen wird, geht es um Förderprogramme, Energiepreise, Infrastrukturfragen und Wettbewerbsfähigkeit. In den Betrieben schlagen sich die Kolleginnen und Kollegen mit anderen Fragen herum: Stilllegungen, Verlagerungen und Arbeitsplatzabbau. Über die Zukunft von Arbeit wird entschieden, bevor Beschäftigte davon erfahren.

In der Mitte der 2020er Jahre prägen Standortkonflikte, Abbauprogramme und drohende Werksschließungen das Bild. Dazu gehört zum Beispiel der Streit um den Brose-Standort in Würzburg, genauso wie all die Konflikte in der Automobilzulieferindustrie, im Maschinenbau sowie in der Metall- und Elektroindustrie und vielen weiteren Branchen im ganzen Land.

Wer verstehen will, unter welchen Bedingungen Belegschaften handeln können – und wo ihre Grenzen liegen –, kommt an Konflikten früherer Jahrzehnte nicht vorbei. In ihnen lassen sich Erfahrungen und Siege festhalten, Niederlagen einordnen und die Voraussetzungen benennen, unter denen betrieblicher Widerstand mehr sein kann als ein bloßes Hinauszögern des Unvermeidlichen.

Zu den markanten Standortkonflikten der frühen 1980er Jahre gehörte die Besetzung der Maschinenfabrik Gebrüder Hofmann im unterfränkischen Eibelstadt (Landkreis Würzburg) im Winter 1983/84.

Am 21. Dezember 1983 fanden die Beschäftigten verschlossene Werkstore vor. Die Maschinen standen still, eine Erklärung dafür gab es nicht, der Konkursverwalter war angekündigt. Über das Ende des Betriebs ist ohne Beteiligung der Belegschaft entschieden worden. Über die Köpfe der Betroffenen hinweg. Noch am selben Tag besetzten die Kolleginnen und Kollegen das Werksgelände. Am Tor hing bald ein Transparent: „Dieser Betrieb ist besetzt.“ 117 Tage lang hielten die Kolleginnen und Kollegen durch – länger als jede andere Betriebsbesetzung zuvor in der Bundesrepublik.

Gegründet worden war der Betrieb 1870 von Karl und Georg Hofmann. Über mehr als ein Jahrhundert hatte er sich zu einem mittelständischen Metallunternehmen mit rund 130 Beschäftigten entwickelt, viele von ihnen seit Jahrzehnten im Betrieb. Anfang der achtziger Jahre führte Dr. Otto Eggert die Firma. Investiert wurde kaum noch, der Maschinenpark verfiel, Aufträge blieben aus. Produziert wurde dennoch – unter Bedingungen, die Jürgen Kletzin, seinerzeit verantwortlicher örtlicher Redakteur der metall-Wechselseite und Zweiter Bevollmächtigter der IG Metall Würzburg, später so beschrieb: gearbeitet wurde „bei Minusgraden an vorsintflutlichen Maschinen unter undichten Dächern“.

Der Niedergang fiel in eine Zeit von Umbrüchen im Maschinen- und Anlagenbau. Maßgeblich der wirtschaftspolitische Kurs, der auf Konzentration, Stilllegung und Standortbereinigung setzte. Hinzu kam, dass in vielen Betrieben – auch in Eibelstadt – Geschäftsleitungen das Ruder in der Hand hatten, denen es an strategischer Weitsicht fehlte und die notwendige Investitionen sowie eine vorausschauende Entwicklung des Betriebs unterließen.

Im Herbst 1983 brach die finanzielle Grundlage des Betriebs endgültig weg. Beiträge an die Krankenkassen wurden nicht mehr gezahlt, die AOK in Würzburg stellte Antrag auf Konkurs, im November blieben die Löhne aus. Nur ein von der IG Metall vermitteltes Darlehen hielt den Betrieb noch kurze Zeit am Laufen. Für die Belegschaft wurde schnell klar: Es ging nicht um Rettung, sondern um Abwicklung.

Nach Beginn der Besetzung richteten die Beschäftigten Schlafplätze ein, organisierten Wachen und suchten die Öffentlichkeit. Auf einer Pressekonferenz erklärte Werner Ring, damals Erster Bevollmächtigter der IG Metall Würzburg, man habe das Werk besetzt, um zu verhindern, „dass die Konkurs-Geier morgen alles rausholen, was nicht niet- und nagelfest ist. Und für die Kollegen bliebe dann null und nichts“. Als Gläubiger versuchten, Maschinen und Material abzutransportieren, stellten sich die Beschäftigten geschlossen vor das Werkstor. Im „Tagebuch der Eibelstädter Metaller“ hieß es: „Hier geht nix raus, aber auch gar nix! Denn: wo keine Konkursmasse, da kein Sozialplan.“

Betriebsratsvorsitzender Werner Genauer leitete die Belegschaft im Werk. Werner Ring führte Gespräche mit Banken, Behörden und Politik, organisierte Kredite, juristische Hilfe und gewerkschaftliche Unterstützung. Die IG Metall stellte Geld, Personal und Erfahrung zur Verfügung – stieß jedoch an Grenzen. Ohne Eigentumsrechte, ohne Zugriff auf Investitionsentscheidungen und ohne politische Mehrheit für eine öffentliche Übernahme blieb der Spielraum eng.

Gleichzeitig wuchs die Solidarität. Aus anderen Betrieben, von Gewerkschaften und aus der Region kamen Lebensmittel, Geld und Sachspenden. Auch Weihnachten 1983 verbrachten die Beschäftigten im Werk. Zwischen den Maschinen brannten Kerzen, für die Kinder wurden Geschenke organisiert. Ein Kollege sagte damals: „Was für mich die größte Sache ist, ist, wie die anderen Leute mitfühlen. Das tut gut.“

Bis in den April 1984 hielten die Besetzer durch. Banken blockierten, politische Hilfe blieb aus. Immer deutlicher wurde öffentlich, dass der Zusammenbruch nicht auf mangelnde Leistung der Beschäftigten zurückging, sondern auf die Geschäftspolitik der Unternehmensleitung. In der örtlichen Wechselseite der metall schrieb Redakteur Jürgen Kletzin von den „Ergebnissen von Missmanagement“.

Am Ende wurde der Betrieb geschlossen, die Arbeitsplätze gingen verloren. Die Besetzung hatte Zeit gewonnen, den Abtransport der Maschinen verzögert und Aufmerksamkeit geschaffen. Verhindern konnte sie die Schließung nicht. Der Konflikt von Eibelstadt stand nicht für sich. In den frühen 1980er Jahren kam es in vielen Betrieben zu ähnlichen Kämpfen – bei Hoesch und Thyssen im Ruhrgebiet, auf den Werften in Kiel, Hamburg und Bremen, bei AEG in Nürnberg und Berlin, in zahlreichen Maschinenbau- und Zulieferfirmen. Überall stellte sich dieselbe Frage: Reicht betriebliche Mitbestimmung aus, wenn über Investitionen, Schließungen und Verlagerungen anderswo entschieden wird?

In Eibelstadt zeigte sich ein Problem, das bis heute besteht. Beschäftigte und ihre Betriebsräte können über Löhne, Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen mitreden. Ob produziert wird, was produziert wird und an welchem Ort – darüber entscheiden Eigentümer, Vorstände und Kapitalgeber. Solange das so bleibt, bleiben Arbeitskämpfe Maßnahmen in ungleichen Verhältnissen. Streiks, Besetzungen und Proteste verzögern, erzeugen Druck. Es wird Zeit gewonnen und manchmal gelingen tragfähige Lösungen. Sie ändern jedoch nichts daran, wer grundsätzlich dirigiert.

Die Betriebsbesetzung von Eibelstadt konnte diese Grenze nicht verschieben. Sie zeigte, aber was Solidarität, Mut und Organisation leisten können – und wo sie anstoßen. Solange Belegschaften keinen Einfluss auf Produktion und Standorte haben, kämpfen sie um ihre Arbeitsplätze aus einer strukturell schwächeren Position heraus. Daran scheiterte der Konflikt von 1983/84. Und an dieser Grenze entzünden sich bis heute immer neue Kämpfe.

Norbert Zirnsak

Bildnachweis: IG Metall Würzburg, KI generiert