Europa im Blick – Ortsvorstand der IG Metall Würzburg tagt in Brüssel

Früher Morgen in Würzburg, gemeinsamer Treffpunkt am Bahnhof, Lunchpakete für die Reise – der Ortsvorstand der IG Metall Würzburg macht sich am 17. Juni 2026 auf den Weg zur Klausur nach Brüssel. Kein Zufall: Wer heute über Industrie, Beschäftigung und Tarifpolitik spricht, kommt an Europa nicht vorbei. Zwei Tage lang ging es um die kommende Tarifrunde in der bayerischen Metall- und Elektroindustrie, um wachsenden Druck auf soziale Sicherungssysteme – und um die Frage, wie sich gewerkschaftliche Interessen unter den Bedingungen verschärfter Standortkonkurrenz durchsetzen lassen.
Im Zentrum der Beratungen stand die Vorbereitung der Tarifrunde. Diskutiert wurde die Lage in den Betrieben, die wirtschaftliche Entwicklung – und die Frage, wie konfliktfähig die IG Metall in die Auseinandersetzung geht. Klar war aber auch: Tarifpolitik findet nicht im luftleeren Raum statt. Die politischen Rahmenbedingungen verschärfen sich. Die angekündigten Einschnitte bei Rente, Gesundheit, Arbeitslosenversicherung und Arbeitszeitrechten stoßen im Ortsvorstand auf deutliche Kritik. „Wer bei Rente, Gesundheit, Arbeitslosenversicherung und Arbeitszeitrechten den Rotstift ansetzt, greift den sozialen Zusammenhalt an. Die Beschäftigten brauchen Sicherheit – gerade jetzt“, sagte der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Würzburg, Norbert Zirnsak.
Wie stark europäische Politik inzwischen in die Betriebe hineinwirkt, wurde in Brüssel an vielen Stellen deutlich. In der Diskussion mit Dirk Bergrath vom IG Metall-Büro Brüssel ging es um eine zentrale Konfliktlinie: den Wettbewerb zwischen Standorten. Die Erfahrung aus den Betrieben ist eindeutig: Investitionsentscheidungen, Fördermittel, Transformation – all das wird zunehmend europäisch gesteuert. Die Frage ist, unter welchen Vorzeichen. Für die IG Metall Kolleginnen und Kollegen in Würzburg steht fest: Ein Europa, das Standorte gegeneinander ausspielt, setzt Beschäftigte unter Druck. Industriepolitik muss anders ansetzen – koordiniert, solidarisch und mit klaren sozialen Leitplanken.
Besonders deutlich wurde der Konflikt bei der Diskussion um europäische Fördermittel. Im Austausch mit Aline Hoffmann vom Europäischen Gewerkschaftsinstitut (ETUI) ging es darum, wie Programme gestaltet sind – und wessen Interessen sie dienen. Die Position ist klar: Öffentliche Gelder sind kein Selbstzweck. Wer Förderung erhält, muss liefern – sichere Arbeitsplätze, gute Arbeitsbedingungen und Perspektiven für Standorte. Alles andere untergräbt Akzeptanz und verschärft den Wettbewerb auf dem Rücken der Beschäftigten. Oder anders gesagt: Förderpolitik darf nicht zum Geschäftsmodell für Standortverlagerungen werden.
Ein Besuch im Europäischen Parlament machte die politischen Prozesse greifbar. Zwischen Plenarsaal und Ausschussarbeit wurde deutlich, wie viele Entscheidungen, die Betriebe betreffen, längst auf europäischer Ebene vorbereitet oder getroffen werden. Ob Transformation, Industriepolitik oder Mitbestimmung – nationale Politik allein greift zu kurz. Ein anderer Blick auf Europa führte durch die Straßen Brüssels – bei einer Stadtführung auf den Spuren von Karl Marx. Begleitet von Jo Honoré und Luca Barbera wurde Geschichte politisch eingeordnet. Denn die Fragen sind nicht verschwunden: Machtverhältnisse, soziale Sicherung, Verteilung. „Die Geschichte zeigt: Soziale Rechte und Mitbestimmung mussten immer erkämpft werden. Das gilt auch heute“, sagte die Zweite Bevollmächtigte der IG Metall Würzburg, Ulrike Eifler.







Bildnachweis: IG Metall Würzburg
