Wo Frieden zur Gewerkschaftsfrage wird: Gewerkschaftskonferenz für den Frieden in Würzburg

Mit einem klaren Bekenntnis gegen Aufrüstung und Militarisierung ist am Samstagnachmittag (25.07.2026) die 4. Gewerkschaftskonferenz für den Frieden in Würzburg zu Ende gegangen. Rund 250 Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter, Betriebsräte, Wissenschaftler, Vertreter sozialer Bewegungen sowie Aktive aus der Gewerkschaftsjugend kamen an zwei Tagen zusammen, um über Aufrüstung, Militarisierung und die Rolle der Gewerkschaften in einer Zeit von Kriegen und weiter wachsender internationaler Spannungen zu diskutieren. Die Konferenz wurde gemeinsam von der Rosa-Luxemburg-Stiftung und der IG Metall Würzburg organisiert.

Ulrike Eifler, Zweite Bevollmächtigte der IG Metall Würzburg, Moderatorin und Mitorganisatorin der Konferenz, hob hervor, dass die Friedensfrage innerhalb der Gewerkschaften wieder stärker diskutiert werde. Sie verwies auf die Beschlusslage des DGB-Bundeskongresses, insbesondere auf die Ablehnung einer Wiedereinführung der Wehrpflicht, und warb dafür, die gewerkschaftlichen Debatten über Krieg und Frieden auf dieser Grundlage voranzutreiben. Wenn Krankenhäuser auf den Kriegsfall vorbereitet werden, öffentliche Mittel zunehmend in Rüstung fließen oder Unternehmen stärker in militärische Lieferketten eingebunden werden, seien Gewerkschaften unmittelbar gefordert. Eine auf Krieg ausgerichtete Wirtschaft stehe im Widerspruch zu Mitbestimmung, Arbeitsschutz und demokratischen Rechten.

Für die Rosa-Luxemburg-Stiftung unterstrich deren Vorsitzender Bernd Riexinger, dass die Friedensfrage untrennbar mit sozialen und gewerkschaftlichen Auseinandersetzungen verbunden sei. Eine Politik der Aufrüstung gehe zulasten öffentlicher Investitionen und verschärfe soziale Konflikte. „Die lohnabhängige Klasse hat in der Phase der Aufrüstung nichts zu gewinnen, aber viel zu verlieren“, sagte Riexinger.

Norbert Zirnsak, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Würzburg, erinnerte an die friedenspolitische Tradition der Gewerkschaften und an den aus Würzburg stammenden früheren IG-Metall-Vorstand Georg Benz, der 1981 auf der Friedensdemonstration im Bonner Hofgarten gegen atomare Aufrüstung sprach. „Die Friedensfrage ist die Frage nach Arbeit, Fortschritt und Wohlstand. Der Kampf um den Frieden ist unser täglicher Kampf – an unseren Arbeitsplätzen, in der Politik und dort, wo wir wirken und handeln“, sagte Zirnsak. Mit Blick auf die aktuelle Entwicklung warnte er: „Die Vorbereitung auf Krieg beginnt nicht erst in den Kasernen. Sie beginnt in den Betrieben. Sie beginnt in der Arbeitswelt.“

Während der Konferenz wurde ein Grußwort des ehemaligen Ersten Vorsitzenden der IG Metall, Klaus Zwickel, verlesen, in dem er die Verantwortung der Gewerkschaften für Frieden und internationale Verständigung hervorhob. Jürgen Peters, ebenfalls ehemaliger Erster Vorsitzender der IG Metall, nahm persönlich an der Konferenz teil.

Unter der Überschrift „Zerbricht die Weltordnung?“ analysierte Miguel E. Torres Tesoro, stellvertretender Botschafter Kubas in Deutschland, die gegenwärtigen geopolitischen Verschiebungen und warb für die Stärkung des Völkerrechts, der Diplomatie und der internationalen Zusammenarbeit. Auch die internationale Beteiligung unterstrich den Stellenwert der Konferenz. Gewerkschaftsdelegationen aus England, Belgien und Frankreich nahmen an der Tagung teil. Per Videobotschaft wandte sich Luc Triangle, Generalsekretär des Internationalen Gewerkschaftsbundes (ITUC), an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Er bezeichnete den Einsatz für Frieden als unverzichtbaren Bestandteil gewerkschaftlicher Arbeit und hob die Verantwortung der Gewerkschaftsbewegung als internationale Kraft für Demokratie, soziale Gerechtigkeit und Völkerverständigung hervor.

 

In den Diskussionsrunden beschäftigten sich der Arbeitsrechtler Wolfgang Däubler und Sinan Öztürk, stellvertretender Bezirksleiter von ver.di Bayern, mit dem Verhältnis von Demokratie, Arbeitswelt und Militarisierung. Öztürk sprach sich dafür aus, Friedenspolitik und Interessenvertretung gemeinsam zu denken. Däubler warnte davor, den Raum für das Sagbare einzuengen. Demokratie lebe gerade in Zeiten wachsender Spannungen vom offenen Streit unterschiedlicher Positionen; Gewerkschaften müssten diese demokratischen Freiräume verteidigen.

Aus betrieblicher Sicht schilderten Gürcan Erdinç, Betriebsratsvorsitzender bei Miwe in Arnstein, und Yves Weinberger, Betriebsratsvorsitzender von Brose Würzburg, die Auswirkungen von Aufrüstung und wirtschaftlicher Transformation. Erdinç verwies auf den Zusammenhang zwischen steigenden Rüstungsausgaben und Sozialabbau. Angesichts einer deutlichen Mehrheit in der Bevölkerung, die Kürzungen im Sozialbereich ablehne, müsse es gelingen, daraus einen breiteren gesellschaftlichen Widerspruch zu entwickeln. Weinberger warb dafür, betriebliche Interessenvertretung als konkrete Aufgabe zu verstehen und Möglichkeiten der Beschäftigungssicherung auszuloten.

In den Arbeitsgruppen standen die Vorbereitung des Gesundheitswesens auf militärische Krisenszenarien, die Rolle von Logistik und Infrastruktur sowie die sozialen und demokratischen Folgen wachsender Rüstungsausgaben im Mittelpunkt. Roman Rauschert von Verein zur Bewahrung der Demokratie erklärte wie konkrete Kriegsvorbereitung und autoritärer Staatsumbau gehören zusammen. In einer Phase des Umbruchs sei die Gewerkschaftsbewegung besonders gefordert.

Auch die Gewerkschaftsjugend setzte Akzente. Annabell Franz, Jugendsekretärin der IG Metall Würzburg, stellte die Kriegsdienstverweigerungsberatung der Geschäftsstelle vor. Die Nachfrage habe in den vergangenen Monaten deutlich zugenommen. Immer mehr junge Menschen suchten angesichts der Debatten über Wehrpflicht und „Kriegstüchtigkeit“ Orientierung. Die IG Metall Würzburg verstehe es als ihre Aufgabe, über die Möglichkeiten der Kriegsdienstverweigerung zu informieren und unabhängig zu beraten. Zugleich bekräftigte Franz die Haltung der IG Metall Jugend, die eine Wiedereinführung der Wehrpflicht ablehnt und das Recht auf Kriegsdienstverweigerung verteidigt.

Abseits der Podien blieb viel Zeit für Begegnungen und Gespräche. An Bücher- und Informationsständen wurden Debatten fortgesetzt und Erfahrungen aus Betrieben und Gewerkschaften ausgetauscht. Für Essen und Getränke war ebenso gesorgt wie für ein kulturelles Rahmenprogramm. Musikalisch begleitet wurde die Tagung von der DGB-Songgruppe aus Schweinfurt, sowie vom Aschaffenburger GEW-Kollegen Reinhard Frankl, die den solidarischen Charakter der Konferenz unterstrichen.

Geprägt wurde die Konferenz von den Debattenbeiträgen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Hafenarbeiter aus dem Organisationsbereich von ver.di, Lehrerinnen und Lehrer sowie Studierende der GEW, Kolleginnen und Kollegen von den Baustellen der IG BAU, Beschäftigte aus Gastronomie und Ernährungsindustrie der NGG, Krankenhausbeschäftigte sowie IG Metallerinnen und IG Metaller aus Industriebetrieben brachten genauso ihre Erfahrungen ein, wie Eisenbahnerinnen und Eisenbahner die in der Gewerkschaft EVG organisiert sind. Zahlreiche Wortmeldungen und eine engagiert geführte Debatte zeigten, dass die Diskussion über Aufrüstung und Militarisierung in den Gewerkschaften angekommen ist. Zugleich wurde gefordert, die begonnenen Diskussionen in den Betrieben und Gewerkschaften fortzuführen und sie in gemeinsames gewerkschaftliches und gesellschaftliches Handeln zu übersetzen.

Alle Bilder der Veranstaltung Bildnachweis: IG Metall Würzburg, Patty Varasano

Im Verlauf der kommenden Tage wird die Sammlung der Impressionen von der Konferenz noch ergänzt.