Zwischen Industriekrise, Sozialstaat und Friedenspolitik: Der DGB-Bundeskongress 2026 in Berlin

Die bayerische DGB Delegation beim Bundeskongress 2026 in Berlin

Der 23. Bundeskongress des Deutschen Gewerkschaftsbundes, der vom 10. bis 13. Mai 2026 in Berlin stattfand, stand unter dem Eindruck einer Gesellschaft im Umbau. Vier Tage lang wurde im Berliner Estrel-Hotel über Tarifbindung, Industriepolitik, Sozialstaat, Mitbestimmung, öffentliche Daseinsvorsorge und Friedenspolitik diskutiert – und über die Frage, wie Gewerkschaften auf sozialen Druck, wirtschaftliche Umbrüche und politische Verschiebungen reagieren müssen. Teil der bayerischen Delegation waren Ulrike Eifler und Norbert Zirnsak von der IG Metall Würzburg.

Die Wiederwahl von Yasmin Fahimi zur DGB-Vorsitzenden mit großer Mehrheit wurde auf dem Kongress auch als Signal der Kontinuität verstanden. Dem geschäftsführenden Bundesvorstand gehören weiterhin Elke Hannack, Stefan Körzell und Anja Piel an.

Der Besuch von Bundeskanzler Friedrich Merz sorgte für scharfe Kontroversen. Vor allem seine marktradikalen Vorstellungen zur Sozial- und Wirtschaftspolitik stießen bei vielen Delegierten auf deutlichen Widerspruch. Die Buhrufe gegen Merz bestimmten anschließend einen Teil der medialen Berichterstattung. Auf dem Kongress selbst wirkten sie allerdings weniger wie ein Ausbruch. Sie waren vielmehr der Ausdruck eines politischen Konflikts über die Frage, wer die gesellschaftlichen Kosten von Krise und Transformation tragen soll.

Genau darum kreisten viele Debatten des Kongresses. Um die Zukunft industrieller Arbeitsplätze. Um Tarifbindung. Um sozialen Schutz in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit. Und um die Frage, welche politische Rolle Gewerkschaften übernehmen müssen, wenn gesellschaftliche Konflikte härter werden.

Norbert Zirnsak beim DGB Bundeskongress 2026 in Berlin

Norbert Zirnsak griff diese Fragen in einem Redebeitrag anhand eines konkreten betrieblichen Konflikts auf. Am Beispiel des Unternehmens Miwe in Arnstein schilderte er die Auseinandersetzung um Tarifbindung und die Rolle betrieblicher Solidarität. Tarifverträge, so wurde auf dem Kongress immer wieder deutlich, entstehen nicht von selbst. Sie müssen organisiert, erkämpft und verteidigt werden. Die Debatten über Demokratie im Betrieb machten zugleich sichtbar, wie eng Mitbestimmung, Tarifbindung und gewerkschaftliche Handlungsfähigkeit miteinander verbunden sind.

Hans-Jürgen Urban beim DGB Bundeskongress 2026 in Berlin

Wie grundlegend viele Delegierte die gegenwärtigen gesellschaftlichen Verschiebungen einschätzen, zeigte auch ein vielzitierter Satz des geschäftsführenden IG-Metall-Vorstandsmitglieds Hans-Jürgen Urban: „Wenn die Menschen wegen Personalabbau und Sozialangriffen wütend werden, dürfen wir ihnen diese Wut nicht ausreden. Im Gegenteil: Aus rechter Wut linken Mut zu machen, das ist die Herausforderung, vor der wir stehen.“

Die Diskussionen über Deindustrialisierung, Personalabbau und soziale Unsicherheit zogen sich durch zahlreiche Beiträge des Kongresses. Dahinter stand immer wieder dieselbe Frage: Wie können Gewerkschaften verhindern, dass soziale Abstiegsängste nach rechts kanalisiert werden?

Breiten Raum nahm auch die Debatte über Militarisierung und Aufrüstung ein. Vor allem Delegierte der Gewerkschaftsjugend widersprachen Forderungen nach einer weiteren Militarisierung der Gesellschaft deutlich. Nach einer intensiven Debatte stimmten 74 Prozent der Delegierten gegen eine Wiedereinführung der Wehrpflicht. Immer wieder waren auf dem Kongress Forderungen wie „Ausbildungsplätze statt Kriegseinsätze“ zu hören.

Ulrike Eifler beim DGB Bundeskongress 2026 in Berlin

Ulrike Eifler beteiligte sich an diesen Diskussionen und verband friedenspolitische Fragen mit industrie- und sozialpolitischen Herausforderungen. „Die Gewerkschaften müssen sich an die Seite der Schulstreikbewegung stellen“, sagte sie in der Debatte über Aufrüstung und Wehrpflicht. Dahinter stand die Frage, welche Rolle Gewerkschaften in einer Zeit internationaler Konflikte und wachsender sozialer Unsicherheit einnehmen wollen.

Darüber hinaus beschloss der Bundeskongress eine umfassende Bildungsoffensive. Der DGB fordert mehr Chancengleichheit im Bildungssystem und wendet sich gegen soziale Selektivität beim Zugang zu Bildung. Ebenso verabschiedeten die Delegierten eine Modernisierungsoffensive zur Stärkung des Sozialstaats und zur Sicherung demokratischer Teilhabe.

Zum Abschluss zogen auch die Würzburger IG Metall Delegierten eine politische Bilanz des Kongresses. „Die Debatten haben gezeigt, dass Tarifbindung, Mitbestimmung und Demokratie im Betrieb in den kommenden Jahren weiter unter Druck geraten werden. Umso wichtiger bleibt gewerkschaftliche Organisierung und Solidarität“, sagte Norbert Zirnsak. Ulrike Eifler erklärte: „Der Kongress hat deutlich gemacht, dass Friedenspolitik, soziale Sicherheit und Industriepolitik nicht getrennt voneinander diskutiert werden können. Gewerkschaften müssen auf diese gesellschaftlichen Konflikte politische Antworten geben.“

Bildnachweis: IG Metall Würzburg